ReNaturierung – Linoldrucke und Papierobjekte von Stephan Schwarzmann

Einführung in die Ausstellung in der Weinerei am 3.11.2016

 

Wer Stephan Schwarzmann etwas besser kennt, weiß genau um seine Faszination von den kleinen Dingen. Neugierig und aufmerksam beobachtet er, lässt sich begeistern und mitreißen, und aus dieser Begeisterung erwächst beinahe ungebremst die Motivation, das Entdeckte für sich künstlerisch nutzbar zu machen, indem er es nach seinen Vorstellungen umgestaltet. 

Was seine Motive anlangt, beweist er dabei einen langen Atem. Viele seiner durchweg figürlichen Motive begleiten Stephan jahrelang. Einige von ihnen durchlaufen in dieser Zeit einen gestalterischen Prozess, der sie stufenweise verzerrt und manches Mal bis an die Grenze zurAbstraktion führt. 

 

Stephan Schwarzmann hat an der hiesigen Akademie der Bildenden Künste bei Rolf-Gunter Dienst und an der Accademia di Belle Arti in Palermo studiert und zeigt in dieser Ausstellung Linoldrucke und Papierobjekte der letzten drei Jahre. 

Unter dem Ausstellungstitel „ReNaturierung“ sind Arbeiten subsumiert, die Teil einer Idee von einem rätselhaften Ort sind, von einer zu erzählenden Geschichte mit offenem Ausgang. 

Dem Titel entsprechend, der ja das menschliche Eingreifen zur Herstellung eines naturähnlichen Zustandes meint, halten sich, motivisch gesehen, Natur und Elemente der Zivilisation die Waage. 

 

In seinen aktuellen Arbeiten, den großformatigen, in leuchtenden Farben gehaltenen „Gärten“, ist keine Menschenseele zu sehen. Lediglich der Titel verweist auf eine von Menschenhand kultivierte Landschaft, und dass dies wohl schon länger zurückliegt, wird an dem wilden Wuchern deutlich, das hier versinnbildlicht wird durch die Überlagerung von kraftvoll farbigen Blüten. 

Im Handdruckverfahren legt der Künstler Schicht um Schicht aus unterschiedlichen Formen übereinander, die er aus einzelnen Linolplatten schnitzt, bis der gewünschte Grad an Un-Ordnung erreicht ist. Das Allover aus Blumen wird zu einer Metapher für überbordendes Wachstum, den Druck, der dahinter steckt,  und vegetabilen Geburtsschmerz. Zugleich lässt es aber auch jene ungehemmte Begeisterung sichtbar werden, von der ich eingangs gesprochen habe.

 

In den kleinformatigen Linoldrucken wechselt der Künstler zur Fernsicht und zeigt Landstriche voll üppiger Vegetation, inmitten derer sich unter dem schützenden Blätterdach rätselhafte Vorgänge abspielen. 

Wachtürme mit Suchlichtern oder Fabriken mit rauchenden Schloten stechen aus den ansonsten unbewohnten Gegenden heraus und wirken durch die Zivilisationsferne äußerst befremdlich. Explosionen erschüttern die Inseln und lassen Unheilvolles erahnen, das in spannungsvollem Kontrast zu der unbeschwerten Farbigkeit steht. 

Obwohl Stephan durchaus Figuren bei Handlungen zeigt, die so manchen Verschwörungstheoretiker auf den Plan rufen würden, bleibt er doch bemerkenswert unkonkret. Es gelingt ihm, mit diesen enigmatischen Szenen Bühnen für Erzählungen zu schaffen, deren Verlauf er offen lässt. 

 

In seiner Konzeptualisierung jener Realität ist es denkbar, dass Forscher der Natur gewissermaßen etwas ablauschen um es dann, nachdem es eingehend in Experimenten getestet wurde, zu simulieren und neu zu arrangieren – ein Vorgehen, das in seinem eigenen künstlerischen Prozess eine unmittelbare Entsprechung findet. 

Wabenförmige Raumgitter rufen die Vorstellung einer Matrix wach, so als sei dort der Aufbau eines solchen künstlichen Schauplatzes noch nicht vollständig abgeschlossen.

 

Wie bionische Forschungsstationen, in denen eben jene Varianten neu arrangierter Realitäten auf den Prüfstand gestellt werden, wirken die „Bubbles“ genannten halbkugeligen Papierobjekte. 

Unter den filigranen Miniatur-Hemisphären verbergen sich Collagen, in den sich fragmentarische Abbildungen von Pflanzen, Lebewesen und Comicelementen in einem Prozess der De- und Rekonstruktion zu neuen Zusammenhängen zusammenfinden. 

Diese neukontextualisierten Bilderwelten werden ergänzt durch dadaistisch anmutende Wortgebilde wie Hibissa, Apapane oder Kaupo, die sich als Bestandteile von Pflanzenbeschreibungen herausstellen, die ebenfalls zerteilt und neu kombiniert wurden. 

 

Anders verhält es sich mit den feingliedrigen Papierobjekten, die aus einem Geflecht aus Blättern, Beeren, Knospen und Halmen bestehen. Im Unterschied zu den Bubbles beherbergen diese Cut-Outs keinen Inhalt. 

Sie sind eingefügt in einen Hintergrund aus Wabenkarton, dessen Zeichnung von Blattmotiven durch das palimpsestartig Abtragen einzelner Faserschichten entstanden ist. In diesem Gefüge scheinen sich die Formen und Strukturen in einem organischen Fluss zu befinden, ohne dass eine künstliche Ordnung eingehalten werden müsste. 

 

Hier wie auch bei den Gärten lässt Stephan Schwarzmann der ungezähmten Natur gegenüber der kultivierten den Vortritt. Oskar Kokoschka hat in diesem Sinne einmal gesagt: „Jäten ist Zensur an der Natur“. 

Vielleicht, lieber Stephan, ist es letztlich genau das, was deine Arbeiten auszeichnet – nämlich die Fähigkeit, deine Begeisterung über diesen unzensierten und gerade deshalb fantastischen Zustand der Dinge einzufangen. 

 

 

Rebecca Suttner

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© Stephan Schwarzmann